Reiner und Elisabeth Kunze-Stiftung: Reiner Kunze - Schriftsteller
Könnten Sie, was das dokumentarische Material betrifft, ein, zwei Beispiele nennen?
Unter anderem befindet sich im Stiftungsarchiv eine Auswahl von cirka 500 signifikanten und zum Teil bewegenden Briefen. Nach unserer Übersiedlung in die Bundesrepublik 1977 wurde in der DDR ein junger Ingenieur, Vater von zwei Kindern, wegen seiner angeblich staatsfeindlichen Briefe an mich und einen tschechischen Autor, die außer uns dreien niemand kennen konnte, zu sechs Jahren Haft verurteilt. Die Briefe waren lediglich kritisch. Wir besitzen das Schreiben der von uns beauftragten Westberliner Anwaltskanzlei, in dem uns das Urteil und die Begründung mitgeteilt wurden, und einen der handschriftlichen Briefe des Ingenieurs. Ein anderes Beispiel: Unsere Tochter, sie war damals noch ein Kind, schenkte mir zu Weihnachten 1969 einige von ihr bemalte Briefumschläge, darunter einen mit einem Löwen. Dieser Löwe gelangte, mehrfach vergrößert. auf den Umschlag des Kinderbuchs "Der Löwe ,Leopold", und als die Tochter davon erfuhr, fieberte sie dem Tag entgegen, an dem sie das Buch mit ihrem Löwen würde in Händen halten dürfen. Statt des an sie in Frankfurt am Main per Eilboten und eingeschrieben abgeschickten Vorausexemplars erhielt sie jedoch einen "Beschlagnahme/Einziehungs-Entscheid", und die Zollverwaltung der DDR wies meine Beschwerde gegen die Beschlagnahme mit der Begründung zurück, der Inhalt des Buches stehe "im Gegensatz zu den Interessen des sozialistischen Staates und seiner Bürger". ...