Von dieser Art deutsch-deutschen Alltags werden viele Schüler nichts wissen.

Und wenn, wird man ihnen sagen, es sei nicht wahr. In unseren letzten DDR Jahren erreichten mich Briefe, in denen ein Termin angegeben war zum Beispiel, um sich während der Leipziger Buchmesse zu treffen -, prinzipiell einen Tag nach Verstreichen des Termins, auch wenn deswegen der Brief hatte sechs Wochen zurückgehalten werden müssen. Später, als wir in der Bundesrepublik lebten, wurde dieselbe Methode gegenüber meinen in der DDR verbliebenen alten und zuletzt aus Krankheitsgründen nicht mehr reisefähigen Eltern angewandt. Um die Eltern, damit sie mich wieder einmal zu Gesicht bekamen, auf ein Interview in der ARD-Sendung "Report" aufmerksam zu machen, telegrafierte ich ihnen am Morgen des 8. März 1988 aus Baden-Baden:"21 Uhr Herzlichst Reiner". Das Telegramm wurde ihnen am nächsten Tag unmittelbar nach der vormittäglichen Wiederholung von "Report" zugestellt. Nach meiner Rede auf dem Festakt zum Tag der Deutschen Einheit 2004 in Erfurt, in der ich dieses Vorkommnis erwähnt hatte, berichteten mir einige junge Zuhörer, an dieser Stelle der Rede habe in ihrer Nähe ein Mann vernehmbar geäußert: "Der lügt!" Wir besitzen den handschriftlichen Brief meiner Mutter, in dem es heißt: "Wann habt Ihr denn das Telegramm aufgegeben? Heute, am 9.3.88, mittags 12,15 Uhr, haben wir es erhalten."